Ein Tipi für Oldenburg

Wie aus vielen Teilen ein großes Ganzes wurde

Der rote Faden

Nicht die Hände in den Schoß legen, sondern die Fäden in der Hand behalten. Nicht den Faden verlieren, sondern dem roten Faden der positiven Lebensgestaltung auch in der Krise folgen: So kann man beschreiben, was die Teilnahme am Projekt „Ein Tipi für Oldenburg“ den Menschen bedeutet hat. Die Resonanz auf den Aufruf, gemeinsam im Rahmen des Farbenfroh Kulturfestivals Kreyenbrück 2020 ein großes Strick-Zelt aus 1.200 Einzelteilen für Oldenburg zu erschaffen, war überwältigend: Seit Mitte März 2020 gingen täglich Pakete und Briefe mit gehäkelten oder gestrickten Quadraten in den beiden Sammelstellen im Kulturbüro und im Stadtteiltreff Kreyenbrück ein, häufig begleitet durch Postkarten, ermunternden Worten, Dank oder auch persönlichen Erzählungen.

Stricken trotz(t) Pandemie

Zwischen März und Juli 2020 haben rund 150 Menschen zwischen 7 und 90 Jahren die textilen Kunstwerke erschaffen. Der Großteil von ihnen waren Frauen. Die meisten Quadrate entstanden zuhause aufgrund der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie. Das kreative Tun gab den Mitwirkenden in Zeiten des Lockdowns im Frühjahr 2020 Struktur, Freude und ein Gefühl der Verbundenheit. Auch das Verbinden der Einzelteile zu einem großen Ganzen wurde nur durch die Mitwirkung vieler helfender Hände zuhause oder in Kleingruppen möglich.

Danke!

Hier möchten wir unserer Wertschätzung für die vielen Beiträge Raum geben und einen Eindruck von dem Prozess vermitteln, wie aus vielen Einzelteilen nach und nach zwei textile Gesamtkunstwerke wurden – die beiden „Tipis für Oldenburg“. Unser Dank gilt allen Mitwirkenden sowie den vielen Kolleginnen und Kollegen innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung, die das Projekt von Anfang an unterstützt haben. Ohne Sie alle hätten wir es nicht geschafft. Vielen Dank!

Tipi goes PFL!

Auch das zweite „Tipi für Oldenburg“ steht! Am 31. Juli bezog es seinen Standort vor dem Kulturzentrum PFL. Nun laden wir Sie ein, die beiden textilen Gesamtkunstwerke zu betreten und auf sich wirken zu lassen. Besucherinnen und Besucher werden gebeten, sich in und um die beiden Tipis an die Abstandsregeln zu halten, das heißt, mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen einzuhalten, die nicht dem eigenen Haushalt oder einem weiteren Haushalt oder einer Gruppe von nicht mehr als zehn Personen angehören. Vielen Dank!

Das erste Tipi steht!

Es ist geschafft: Das erste Tipi aus 1.200 handgemachten Quadraten steht! Am Donnerstag, 30. Juli 2020, hat Ute Lennartz-Lembeck mit einem Team von Helferinnen und Helfern das Tipi auf dem sogenannten „Kleinen Klingenbergplatz“ vor dem Stadtteiltreff Kreyenbrück (Alter Postweg 1) aufgebaut. Am Freitag, 31. Juli, folgt das zweite Kunstwerk in der Innenstadt vor dem Kulturzentrum PFL in der Peterstraße 3. Vom 1. August bis voraussichtlich Ende Oktober 2020 können beide Tipis besichtigt und begangen werden. Sie sind als mobile Kulturorte für Oldenburg gedacht, die auf vielfältige Weise genutzt werden können: als Vorlesezelt, Konzertraum, als persönlicher Ort der Ruhe und Begegnung. Und als starkes Symbol der Verbundenheit, über alle Unterschiede und Distanzen hinweg. Tagsüber bringt das Sonnenlicht die Zelte innen zum Leuchten. Und in der Dämmerung strahlen sie farbgewaltig nach außen, da sie von innen beleuchtet werden.

Farbenfrohes Aktionswochende im September

Unterdessen plant die Planungsgruppe des Farbenfroh Kulturfestival Kreyenbrück ein Aktionswochenende. Vom 3. bis 6. September 2020 soll es rund um das Kreyenbrücker „Tipi“ sowie an weiteren Stationen im Stadtteil „kulturelle Häppchen“ im Freien geben. Geplant sind neben Kamishibai und mehrsprachigen Lesungen für Eltern und Kinder auch Lesungen für Erwachsene, kleine Konzerte, Open-Air-Kino und „Theater zwischen den Häusern“. Natürlich alles unter Berücksichtigung der Auflagen aufgrund der Corona-Pandemie. Hinter den Kulissen wird also eifrig daran gearbeitet, dass der Sommer in der Stadt wieder farbenfroh wird. Näheres wird zu gegebener Zeit auf Flyern, Plakaten und in der Presse und auf www.farbenfroh-festival.de » veröffentlicht.

Das große Ziel nähert sich Stich für Stich

Vor dem Aufbau der beiden textilen Gesamtkunstwerke laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Hinter den Kulissen stehen die Häkel- und Stricknadeln nicht mehr still. Die Zeit drängt: Ende Juli 2020 sollen beide Tipis, die aus jeweils 1.200 gehäkelten oder gestrickten Wollquadraten bestehen, aufgebaut werden. Eines wird vor dem Stadtteiltreff Kreyenbrück auf dem sogenannten „Kleinen Klingenbergplatz“ am Alten Postweg 1 stehen. Das zweite wird seinen Platz in der Innenstadt vor dem Kulturzentrum PFL in der Peterstraße 3 finden. An diesen beiden Standorten können sie voraussichtlich bis Ende Oktober 2020 besichtigt und begangen werden.

Stadtteiltreff Kreyenbrück wird zur Nähstube

Unterdessen verwandelt sich der Stadtteiltreff Kreyenbrück mehr und mehr in eine Nähstube: Das gesamte Gewebe muss noch einmal überhäkelt werden, um stabil genug für das „Tipi“ zu sein. Die Aussage „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, die Karl Valentin zugeschrieben wird – hier trifft sie mit Sicherheit zu. Unermüdlich treffen täglich Frauen im Stadtteiltreff ein, um allein oder gemeinsam an großen Tischen Stich um Stich das Gewebe zu verbinden. Einmal mehr zeigt sich, dass das Projekt auf verschiedene Weise Brücken schlägt: zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden. Zwischen Kunst und Alltag. Zwischen kreativem Tun und meditativem Sein.

Das Gewebe nimmt Formen an

Ende Juni reiste die Initiatorin Ute Lennartz-Lembeck ein zweites Mal aus Remscheid an, um gemeinsam mit Helferinnen vor Ort im Stadtteiltreff Kreyenbrück die Bahnen für die beiden Tipis zu heften. Fünf Frauen aus dem gesamten Stadtgebiet hatten sich bereit erklärt, uns bei dieser Arbeit zu helfen. Da auf dem Boden gearbeitet werden musste, kamen Kniebänkchen und Meditationskissen zum Einsatz. Gemeinsam mit Kolleginnen aus dem Stadtteiltreff und dem Kulturbüro herrschte nach einer kurzen Einführung durch die Künstlerin eine entspannte und betriebsame Atmosphäre. Die Wolle, die Farben, die Geschichten der Anwesenden verwoben sich zu einem bunten Teppich aus Eindrücken. Das gemeinsame Tun tat gut! Auch, wenn aufgrund der Abstandsregeln immer auch eine gewisse Anspannung mit im Raum war. Nach zwei Tagen war es geschafft: Aus den einzelnen Bahnen waren vier große Gewebe geworden. Jeweils zwei von ihnen bilden den Überwurf für ein „Tipi“.

Es bleibt ein Gemeinschaftswerk

Jetzt geht das Gemeinschaftswerk in die nächste Runde: Die Einzelteile müssen zu Bahnen vernäht werden. Auch hier wurden wieder kreative Lösungen gefunden, um diesen Arbeitsschritt trotz der Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie unter möglichst großer Beteiligung der Mitwirkenden umzusetzen: Die Frauen nähen überwiegend zuhause und haben ihr Päckchen aus dem Kulturbüro und beim Stadtteiltreff abgeholt oder nach Hause geschickt bekommen. „Wir sind beeindruckt von der Kontinuität, mit der sich die Menschen für ‚ihr‘ Tipi einsetzen“, so Jutta Hinrichsen vom Stadtteiltreff Kreyenbrück. 

Erster Besuch der Künstlerin

Am 19. Mai hat der erste Vor-Ort-Termin mit der Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck im Stadtteiltreff Kreyenbrück stattgefunden. Sie sortierte die Quadrate in Form eines Regenbogens als Symbol für Hoffnung und Zuversicht und für Verbundenheit in Vielfalt. Anschließend setzten die Kolleginnen aus dem Stadtteiltreff Kreyenbrück und aus dem Kulturbüro farbliche Akzente und sorgten für den einen oder anderen Kontrast. „Da halte ich mich immer bewusst raus“, so die Künstlerin: „Je heterogener ein Tipi ist, umso interessanter ist es“. Normalerweise werden zu diesem Arbeitsschritt alle Mitwirkenden eingeladen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie haben die städtischen Mitarbeiterinnen das in diesem Fall stellvertretend für die 150-200 Mitwirkenden getan.

Weitere Impressionen vom ersten Besuch der Künstlerin

Aus eins mach zwei

In den letzten Wochen erlebten wir im Kulturbüro und im Stadtteiltreff Kreyenbrück die wundersame Wollvermehrung: Aus den erforderlichen 1.200 Wollquadraten für ein Strick-Tipi sind nun über 2.400 geworden! Genug also für zwei „Tipis“. In Rücksprache mit der Planungsgruppe des Farbenfroh Festivals Kreyenbrück haben wir beschlossen, statt einem Strick-Tipi zwei textile Gesamtkunstwerke in Oldenburg aufzustellen. In Windeseile stand die Finanzierung für ein weiteres „Tipi“: Dank einer großzügigen Spende der Interessengemeinschaft „Die Kreyenbrücker e.V.“ kann der großen Resonanz der Menschen nun Rechnung getragen werden. Zwei Standorte sind für die beiden „Tipis“ in Planung, einer in Kreyenbrück und einer in der Innenstadt. Wir sind zuversichtlich, dass die beiden textilen Gesamtkunstwerke im Spätsommer im öffentlichen Raum stehen und besichtigt werden können. Ziel ist es, ein starkes Symbol zu setzen für die Verbundenheit zwischen den unterschiedlichsten Menschen, auch und gerade in herausfordernden Zeiten.

Strickfieber kennt kein Alter

Die jüngste uns bekannte Teilnehmerin ist sieben Jahre alt, die Älteste 90. Ihre Tochter schreibt: „Meine Mutter Josefine [...] hat diese Idee zunächst mit Verwunderung (’Wat schall dat denn weern?‘) und dann doch mit Freude aufgenommen. Stricken und Häkeln ist neben Fernsehen die einzige Freizeitaktivität, die sie noch gut machen kann. Und gerade in diesen Zeiten der eingeschränkten Kontakte ist sie dankbar für diese Aufgabe, insbesondere da sie selber entscheiden kann, ob sie häkeln oder stricken will und dass sie über Muster sowie Farben nachdenken kann.“ Eine Kollegin aus der Stadtverwaltung hat nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder gestrickt. Das Foto zeigt Elmar, den Elefanten aus dem Kinderbuch von David McKee. Angefertigt wurde er von einer Frau, die nach dem Strick-Stopp für das „Tipi“ unbedingt weiterstricken wollte. Elmar wird nun in die Kinderräume des Stadtteiltreffs Kreyenbrück einziehen.
 

Tausend(zweihundert) Dank!

Kein Corona, aber Strickfieber! Diesen Anschein erweckt die Welle an Wollquadraten, die gerade über uns „hereinbricht“. Insofern müssen wir schweren Herzens sagen: Basta! Wir haben genug! Bereits heute, am 23. April, haben wir 1.200 Quadrate und damit die benötigte Anzahl an Einzelteilen zusammen. Damit Sie nicht umsonst weiterstricken, bitten wir Sie: Beenden Sie Ihre Arbeiten und schicken Sie sie uns noch zu, wenn Sie mögen. Aber fangen Sie bitte keine neuen Quadrate für das „Tipi“ mehr an! Tausend(zweihundert) Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz, Ihre Kreativität und Ihre Freude am Mittun! Wir halten Sie auf dem Laufenden, wie es weitergeht. Wichtig für Sie zu wissen: Alle Quadrate, die bei uns eingehen, erhalten ihren Platz im Rahmen des Projekts „Ein Tipi für Oldenburg“.

Ein neues Bild vom Alter(n)?

Vergangene Woche fand eine ungewöhnliche Übergabe statt: Auf dem „Dorfplatz“ des Hermine-Kölschtzky-Hauses übergab mir eine Bewohnerin des Mehrgenerationenhauses in Oldenburg-Osternburg 59 Wollquadrate, natürlich mit gebührendem Abstand. Den zu wahren hilft der 87-Jährigen zurzeit ein Zollstock, den sie immer in ihrem Rollator bei sich führt. Die Mitgründerin des Vereins Lebenskreise - Verein für Generationen verbindendes Wohnen e.V. ist auch als „Oma gegen Rechts“ aktiv. Sie hatte in ihrem Wohnprojekt mehrere Mitbewohnerinnen aktiviert, am „Tipi“-Projekt teilzunehmen. Auch aus dem HANSA Seniorenwohnstift Ofenerdiek erreichte uns ein großes Paket mit Wollquadraten. Eine Betreuerin schreibt dazu: „Da wir im Heim leider Ausgangssperren und Besuchsverbot haben, stricken die Damen auf Ihren Zimmern, um sich die Zeit zu vertreiben. Im nächsten Paket schicken wir ein paar Fotos von uns.“ Wir freuen uns schon darauf, mit dem „Tipi“ sichtbar zu machen, welchen Beitrag ältere Menschen und andere für unsere Gesellschaft leisten, die häufig übersehen werden.

Stricken während der Chemotherapie

Es gibt inzwischen so viele berührende, bewegende und erheiternde Geschichten rund um das „Tipi“-Projekt, das wir nur einem Bruchteil davon an die Öffentlichkeit verhelfen können. Hier eine berührende Zuschrift aus Bad Zwischenahn: „Hallo! Ich hoffe, ihr könnt diese Quadrate noch gebrauchen! Ich habe meiner Nachbarin die Idee angeschnackt, damit sie während ihrer Chemotherapie beschäftigt ist. [...] Es war auf jeden Fall eine tolle Idee von Euch und für diese Zeit genau das Richtige!“ Die Quadrate der Nachbarin werden auf jeden Fall in das Oldenburger Strick-Tipi einfließen. Vielen Dank und alle guten Wünsche für die Spenderin.

„Täterprofile“: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

In Anlehnung an den Buchtitel von Richard David Precht stellt sich die spannende Frage: Was sind das eigentlich für Menschen, die am Strick-Tipi mitwirken? Namentlich sind uns bisher fast ausschließlich Frauen bekannt. Mit zwei Ausnahmen: der neunjährige Neffe der Projektkoordinatorin im Kulturbüro und ein strickender Mann in Kreyenbrück. Unter den Mitwirkenden gibt es „Einzeltäterinnen und Einzeltäter“ und „Wiederholungstäterinnen und Wiederholungstäter“: Einige schicken nur ein Quadrat zu, andere stricken jeden Tag ein Quadrat oder lassen uns ganz viele auf einmal zukommen. Die verschiedenen Handschriften deuten auf Verspielte, Resteverwerterinnen und -verwerter, Symbolträchtige, Individualistinnen  und Individualisten und solche, die gern in Serie produzieren. Was sie alle eint: Sie lieben, was sie tun. Und sie fragen lieber vorher nach, bevor sie Gefahr laufen, ihren Beitrag „umsonst“ zu leisten.

Ein ganz besonderes Paket

Am 15. April erreicht uns ein ganz besonderes Paket: von Patientinnen und Patienten aus der Karl-Jaspers-Klinik, der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie vor den Toren Oldenburgs. Auch dort gilt seit Mitte März ein striktes Besuchsverbot – eine besondere Härte für die Menschen in psychischen Krisen, die dort stationär behandelt werden. Eine Pflegerin sieht unseren Aufruf in der Zeitung, besorgt Materialien und lädt zum gemeinsamen Häkeln ein. Das Projekt wird „als willkommene Abwechslung in der Tagesgestaltung“ angenommen. Den 27 bunten Wollquadraten liegt ein Gedicht einer Patientin bei. Hier ein Auszug: „Wir Patienten der KJK wollen ein Vibe verbreiten. Lernen vom Positiven, freun‘ uns auf Kleinigkeiten. Manchmal sind es Einfachheiten, die einen weitertreiben. Es hat uns viel Spaß gemacht, das beweisen meine Zeilen. Hoffen, ihr Projekt klappt, sehen es in der Zeitung. Erleben es in Echtzeit, erleben diesen Zeitpunkt. Machen sie weiter mit ihren Gemeinschaftsaktionen. Denn bleibt man dabei, dann wir die Zeit einen belohnen.“

Viel Post auch im Stadtteiltreff Kreyenbrück

Auch in der zweiten Sammelstelle im Stadtteiltreff Kreyenbrück gehen täglich Pakete mit Quadraten ein. Nach dem Osterwochenende zählen wir in den beiden Sammelstellen zusammen bereits 507 Quadrate, nach einem Monat Projektlaufzeit. Wir sind überwältigt! Auch dort begleiten persönliche Zeilen und Grüße die textilen Kunstwerke. Eine Frau hat eine wunderschöne Patchwork-Decke gestrickt. Auch diese wird auf die eine oder andere Weise Einzug in das Projekt finden. Denn: Alle Beiträge zählen, jedes Quadrat wird verwendet, von jeder und jedem Einzelnen.

Ein Quadrat pro Tag

Eine Mitwirkende strickt seit dem 16. März – der großflächigen Lahmlegung des öffentlichen Lebens aufgrund der Corona-Pandemie – jeden Tag ein Quadrat. Sie schickt diese wochenweise an das Kulturbüro und legt Briefe bei, in denen sie uns an ihren Gedanken zu ihrem Alltag in der Krise teilhaben lässt: „Gerade am Ostersonntag habe ich mich sehr gefreut, an der Tür des Kulturbüros eine Tasche zu entdecken, die ebenfalls mit Quadraten gefüllt war. Ich bin nicht allein am Stricken, war mein erster Gedanke. Obwohl mir dies natürlich klar war, habe ich es nun sehen können. Mein Corona Tipi Projekt gibt mir mittlerweile tatsächlich viel Halt in diesen ungewissen Zeiten und gleichzeitig freue ich mich auch, diesen Wollresten, die wirklich schon sehr lange in Bastelkisten schlummerten, einen kreativen und kulturellen Sinn zu geben.“

Von Wurstgarn und DDR-Wolle

Die Ladenschließungen führen zu Engpässen beim Material. Ursprünglich sollte ja aufgrund der besseren Witterungstauglichkeit nur Acryl-Wolle verwendet werden. Eine ältere Mitwirkende macht dabei eine erstaunliche Entdeckung: In einem Supermarkt findet sie Wurstgarn – zu 100 Prozent aus Acryl! Sie probiert sich damit aus und schickt uns einige Belegexemplare. Eine Teilnehmende aus Thüringen findet in ihren Restbeständen noch drei Rollen „Alwo Prylazell“ aus DDR-Zeiten, aus dem VEB („Volkseigener Betrieb“) Altenburger Wollspinnerei. Das Stück zu 2,50 Mark EVP, dem staatlich vorgeschriebene Festpreis. So findet auch ein Produkt aus einem politischen System, das es gar nicht mehr gibt, Eingang in das Oldenburger „Tipi“.

Wollspenden

Nicht nur Quadrate werden uns zugeschickt, auch Wollspenden erreichen uns. Und werden dorthin weitergegeben, wo sie gebraucht werden: zum Stadtteiltreff Kreyenbrück, wo es einige „strickwütige“ Frauen gibt, die auf Woll-Nachschub hoffen. Vielen Dank der Spenderin, der sich noch weitere angeschlossen haben! Unter anderem von einer Ladenauflösung in Spanien, wo eine Mitwirkende zeitweise gelebt hat. Eine andere Mitwirkende erzählt begeistert, sie habe über ein digitales Nachbarschaftsportal zwei Tüten Wolle geschenkt bekommen. Und hat darüber inzwischen auch eine Quelle für Topinambur aufgetan, den sie so liebt...

Die ersten Quadrate

Am 19. März gingen im Kulturbüro die ersten beiden Quadrate ein. Überraschenderweise nicht aus Oldenburg, sondern aus der Barlachstadt Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern! Ein richtiges „Ost-Paket“, sozusagen. Hintergrund: Die Deutsche Presseagentur (dpa) hatte einen Auszug aus der städtischen Pressemitteilung zum Projekt „Ein Tipi für Oldenburg“ vom 10. März erstellt. Diese wurde nicht nur von Zeitungen im gesamten Norden aufgegriffen, sondern erschien sogar in der Süddeutschen Zeitung! Tage später erreichten uns Anrufe aus Herten, Kappeln und Großsolt – der Aufruf begann überregional Kreise zu ziehen.

Viele Wege führen nach Rom

Ab dem 16. März wird das öffentliche Leben in Oldenburg wie überall im Land und in großen Teilen der Welt aufgrund der Pandemie durch das Virus Sars-CoV-2 stillgelegt: Schulen, Kitas, Läden, Museen , Kultur- und Sporteinrichtungen, Spielplätze und große Teile der Stadtverwaltung werden für den Publikumsverkehr geschlossen. So schließen sich auch die Türen der beiden Sammelstellen im Kulturbüro und im Stadtteiltreff Kreyenbrück für die Öffentlichkeit. Zum Glück funktioniert jedoch die Post noch und beide Einrichtungen verfügen über einen zugänglichen Briefschlitz in der Eingangstür. Die „Quadrat-Post“ beginnt.

Weitere O-Töne

„... ein tolles Projekt, welches viele Menschen miteinander verbindet.“

„Das ist eine tolle Idee und willkommene Abwechslung in dieser schwierigen Zeit.“

„(...) Im Job habe ich noch nie so viel Zeit am Stück gehabt um Vorhaben in die Tat umzusetzen. Das schafft Erfolgserlebnisse, ganz stressfrei. Toll! Aber es gibt auch diese Unruhe, dieses innere Flattern. Kommen wir davon? Bleiben wir verschont? Was bedeutet dieser Zusammenbruch für die Zukunft? Tja, wenn dieses Flattern mit dem Schauen der Tagesschau beginnt, sich zu melden, hole ich mein Strickzeug hervor: 1 Quadrat für das Tipi und weiterarbeiten an der Strickjacke für Enkel Nr. 2!“

„Sogar eine Freundin aus Freiburg hat mir zwei Quadrate geschickt.“

„Ein tolles Projekt! Es hat mir ganz viel Spaß gemacht, meinen Teil für das Tipi beizutragen. :-) Ich hoffe sehr, dass trotz Corona das Projekt verwirklicht werden kann!"

„Weiterhin viel Spaß wünscht euch allen zusammen – auch in dieser Zeit, wo Abstand halten sehr wichtig ist – die Mitstrickerin Elke“

„Ich drücke die Daumen, dass ein schönes, großes und farbenfrohes Oldenburg-Tipi entstehen wird – bestimmt wird es so sein. Ich freue mich auf die Einweihung.“

„Dieses Tipi wird für einige Menschen viel mehr sein als ‚nur‘ ein neuer mobiler Kulturort für Oldenburg, da bin ich mir sicher.“

Konzept und Hintergrund

Sie möchten mehr über über das Projekt „Ein Tipi für Oldenburg“ erfahren? Hier erhalten Sie weitere Informationen über das Konzept, die Hintergründe, die Initiatorin Ute Lennartz-Lembeck, andere Strick-Tipis weltweit und die Einbindung in das Farbenfroh Kulturfestival Kreyenbrück ».

Fragen, Feedback, Kontakt

Haben Sie Fragen zum Projekt? Oder möchten Sie uns eine Rückmeldung zum „Digital Diary“ geben? Über Feedback aller Art freuen wir uns! Ansprechpartnerin ist Sophie Arenhövel, Kulturbüro der Stadt Oldenburg, Peterstraße 23, 26121 Oldenburg. Telefon 0441 235-3062, E-Mail: kulturellebildung(at)stadt-oldenburg.de.