Einmal Mayo bitte!
Als im September der Koch, Redakteur und Gastrokritiker Daniel Kodalle in unserem Programm mit Jens Sparschuh über dessen Roman Der Waldmeister sprach, nahm vor der Spielstätte einer der Musikpartner des Wilhelm13 eine Lebensmittellieferung für uns entgegen. Sie war sehr klein und entsprach dem Gegenwert weniger Cents: Der Bote brachte ein Portionstütchen Mayonnaise. Der beigefügte Kassenbon bestätigte, dass die Miniportion Mayo am Tag unserer Veranstaltung bestellt und ordnungsgemäß bezahlt wurde. Leider erfuhr ich erst nach dem Ende der Lesung davon, der Kollege vom Jazzclub wollte unsere Vorstellung nicht stören. Eine Standardportion Mayonnaise, las ich nach, beträgt in der Regel 15 bis 20 Gramm und entspricht der Menge in einem Portionsbeutel. Welche Fritten- und Burgerkette, war mein erster Gedanke, schickt allen Ernstes einen Mitarbeiter los, ein Tütchen Mayo in die Oldenburger Leo-Trepp-Straße zu kutschieren? Ich nahm zudem an, dass bei der Lieferadresse ein Missverständnis vorlag, dass irgendwo in der näheren Nachbarschaft unserer Bühne ein hungriger Mensch ohne Küche oder ohne Kochbereitschaft lustlos an seinen trockenen Pommes genagt hatte, während wir über Odo Weingaertner sprachen, den ehemaligen Gastrokritiker aus Jens Sparschuhs Roman, der mit den Rezepten seiner sächsischen Oma als Koch die schwer verdauliche Küche eines Landgasthauses in der brandenburgischen Provinz aufmischen möchte.
Was aber, dachte ich dann, wenn die Lieferung sehr wohl für uns bestimmt war und durch den unerwarteten Auftritt des Boten unsere Veranstaltung aufmischen sollte? Hatte ich sie als humorigen Kommentar zu meinem Programmtext zu verstehen, aus dem hervorging, dass der Abend um Kulinarisches kreisen würde? War sie ein Kommentar zum vorgestellten Roman? Mayonnaise besteht klassisch aus einer Emulsion von Öl und Eigelb, verfeinert mit einer Säure wie Zitronensaft oder Essig sowie Senf, Salz und Pfeffer, sagt ein vergilbtes Kochbuch aus meiner eigenen Familiengeschichte. Dass industriell hergestellte Varianten zusätzlich oft Wasser, pasteurisiertes Ei sowie Stabilisatoren oder Konservierungsstoffe für eine längere Haltbarkeit enthalten, weiß die KI. Als Sinnbild für die Qualität unseres Programms konnte die fettige Soße nicht gemeint sein, denn was wir auftischen, ist das Gegenteil von literarischem Fast Food. Zu gern würde ich wissen, wer sich diesen Scherz mit uns erlaubt hat.
Ed
Zuletzt geändert am 27. Oktober 2026